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Der Wind spielt mit Clarissas langen, nassen Haaren,
die fächerförmig im Halbkreis auf
dem Deck ihres Bootes ausgebreitet sind und
die wärmenden Strahlen der Sonne
trocknen sie. Die Bucht, die sie aufsuchte,
wäre ihr beinahe zum Verhängnis geworden, da
plötzlich Riffe aus dem Meer ragten und sie den
Piepston des Echolots nicht wahrnahm, weil sie sich
durch das laute Dröhnen und Trommeln ihrer Musik auf
einer CD zu sehr ablenken ließ.
Das Boot schaukelt sanft, durch das leise Plätschern
der Wellen wird Clarissa in einen tiefen Schlaf
versenkt. Ihre Tauchgeräte verstaute sie im Inneren
des Bootes. Der Himmel färbt sich violett im
schwindenden Licht und die Farbe spiegelt sich auf
der Oberfläche des Meeres. Graues Zwielicht nimmt dem
Grün auf der Insel alle Frische. Während der Himmel erglüht,
sind Silhouetten einzelner Bäume zu erkennen. Clarissa wird
aus ihrem Tiefschlaf gerissen, als ein Motorboot unweit von
ihrem geankerten Boot einige Runden dreht. Erschrocken
blickt sie um sich, ihre Augen schweifen umher und sie hat
Mühe in die Gegenwart zurückzufinden. Auch läuft ihr
kühler Schauder über den Rücken, sie greift nach ihrem
Badeanzug. Gebannt starrt sie auf ihre Uhr, dann aber sucht
sie das Ufer nach ihrem Freund ab.
Clarissa sorgt sich, da er immer pünktlich ist und er
ihr keine Nachricht zukommen ließ. Sie überlegt, ob
sie ihr Trägerkleid und ihre Tanzschuhe in einer
Plastiktüte verstauen und damit ans Ufer schwimmen
soll. Den Gedanken hat sie noch nicht zu Ende gedacht, als
sie eine männliche Gestalt in einem Ruderboot um eine
Biegung der Insel kommen sieht. In kräftigen Zügen steuert
er auf ihr Boot zu und ruft auch schon ihren Namen.
„Ja, hier bin ich!“, ruft Clarissa zurück. Es trennen sie nur noch ein paar
Meter und der Mann beginnt zu sprechen, er stellt sich mit dem Namen Pascal
vor und sagt: „Joachim kommt etwas später zur Party, er musste aufs
Festland, es ergab sich Unvorhergesehenes, ich soll Sie nun hier
übernehmen!“ „Ja, in welcher Beziehung stehen sie zu Joachim?“, fragt
Clarissa ungeniert. „Ich bin sein Freund, vielleicht sein ältester Freund!“,
erwidert Pascal und reicht Clarissa seine Hand, um ihr in seinen Kahn zu
helfen. Clarissa versichert sich, dass ihr Boot ordnungsgemäß verschlossen
ist und ihre Habseligkeiten im Inneren verstaut sind.
Die Sonne versinkt in einem dunstigen Horizont und verwandelt die Wolken in
goldene Streifen. Eine kreischende, nach Futter bettelnde Möwe begleitet die
Beiden und lässt sich auf den Wellen schaukeln. Als sie die seichte Bucht
erreichen, springt Pascal aus dem Boot und reicht abermals Clarissa seine
Hand, sie sieht ihn an und ist gebannt von der Anziehungskraft seiner
unglaublich blauen, stechenden Augen. Beide gehen nun schweigend eine kurze
Strecke über Sanddünen und durch dichtes Buschwerk. Dann begeben sie auf
einen steinigen Pfad und steigen zu einer hochgelegenen Terrasse empor. Ehe
sie eine alte Einbuchtung erreichen, durchlaufen die Farben der Abendsonne
das gesamte Spektrum von Gold - und Bronzetönen und danach von
Rotschattierungen zu einem intensiven Blauviolett.
Nachdem sie die vorspringende Felswand umrundet haben, muss Pascal
angesichts der unberührten Schönheit des vor ihm ausgebreiteten Panoramas
stehen bleiben. Dann macht er am Rand des Abgrunds entlang einige Schritte –
allzu sehr beschäftigt mit dem Anblick, der sich ihm bietet und macht eine
ausladende Handbewegung zu Clarissa. Er sagt im Flüsterton: „Das große Meer
spiegelt in seiner ganzen Fülle den zitternden Himmel mit all seiner
Farbenpracht!“ „Es ist wunderschön und lädt zum Träumen ein!“, entgegnet
Clarissa. Sie wendet sich zum Gehen, doch er ergreift ihre Hand, hält sie
fest und beobachtet, wie die letzten Strahlen des Sonnenuntergangs sich in
ihren Augen spiegeln. Sein Begehren ist ganz auf sie gerichtet. Die Kraft
seiner Ausstrahlung - die ganz unbewusst ist und daher um so mächtiger wirkt
– überrascht sie und bricht die Abwehrwälle, die sie sorgsam aufgeschüttet
hat, um Schmerz zu vermeiden. Sie ist offen, verwundbar, fast wider ihren
Willen zu ihm hingezogen. Pascal berührt eine Facette ihres Herzens, die ihr
selbst noch fremd ist. Erst jetzt wird Clarissa bewusst, dass nur wenige
Worte über ihre Lippen kamen.
Sie stammelt: „Wohin ging Joachim, hat er ihnen gesagt, was so dringend
sei?“ „Sein Auftrag an mich war: bringe Clarissa an Land und amüsiere dich
mit ihr, ich werde mich beeilen! Also werden wir losziehen und uns auf die
Tanzfläche stürzen. Möchten Sie sich erst mit einem köstlichen Drink
erfrischen, oder darf ich Sie zu einem opulenten Abendessen einladen?“,
überhäuft nun Pascal Clarissa mit Fragen. „Gerne würde ich mich erfrischen,
ich setzte mich wahrscheinlich zu sehr den Sonnenstrahlen aus, nachdem ich
aus der tiefen Unterwasserwelt wieder ans Tageslicht emporkam.“ Ringsum
werden Fackeln entzündet, aus einer lodernden Feuerstelle züngeln Flammen
empor. Auf den glimmenden Kohlen liegen Fische in Folie gepackt, angenehme
Gerüche verbreitend.
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Bezaubernde Melodien
mischen sich unaufdringlich unter die Menschen, die sich vergnügen.
Barfüssig und eng umschlungen tanzen junge Pärchen auf einer
Freibühne. Während sich Paare zusammentun, Figuren
tanzen, die kompliziert scheinen, jedoch nichts
anderes als Variationen einer bestimmten Schrittfolge sind,
dazu spielt ein alter, weißhaariger Inselbewohner auf seiner
Flöte. Es herrscht ein besonderes Flair auf dieser Liebesinsel.
Hand in Hand gehen nun die Beiden, da das Licht diffus und
der Weg uneben ist, zu einer Bar, deren Baldachin aus Stroh
besteht, ebenso die Sitze der Stühle.
Clarissa fragt nun Pascal: „Warum habe ich sie nicht
früher kennen gelernt? Welches Geheimnis umweht sie
denn, das Joachim mir vorenthält?“ und sucht dabei
den Himmel nach ihrem Zeichen, ihrem Sternbild ab.
Die Wolken lagern nun vor dem Horizont. Über ihnen
stehen die Sterne so dicht, dass es scheint, als ob
irgendein unsäglich strahlendes Licht durch die
gesprungene und löchrige schwarze Barriere der Nacht
herunterstrahlt. Ohne die Antwort abzuwarten sagt Clarissa:
„Sehen sie das Feuer am Himmel? Herdfeuer der
Geisterwelt!“
Ihre Augen tasten den Himmel ab, bis sie jenes Bild
finden, das sie suchten. Das Mondlicht bewirkt, dass es
einen gleichmäßigen Schimmer verteilt. „Ich arbeitete viele
Jahre im Ausland, aber jetzt werden wir es uns mal gemütlich
machen. Gefällt Ihnen der Ort hier?“ und reiht zwei Stühle
aneinander, „Bitte setzen Sie sich doch!“, fordert Pascal
Clarissa mit einer einladenden Geste auf. „Danke, vielen
Dank, es ist ein wunderbares Stück Erde hier, ich liebe die
zerklüfteten Berge und die wildromantische Kulisse!“ Pascal
ruft den Ober zu sich und bestellt zwei Gläser Aperitif mit
den Worten: „Ich hoffe, ich treffe ihren Geschmack?“
Trommeln werden geschlagen und den Rhythmus bestimmt
eine Panflöte, die mit immer derselben Tonfolge ertönt.
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Pascal schlägt den Takt erst auf seine
Knie, dann wechselt er zum vor ihm stehenden Tisch
über. „Das ist meine Melodie, mein Lied, wollen wir
tanzen Clarissa?“ und er zieht sie schon
vom Stuhl hoch. Sie wirbeln beschwingt auf die
Tanzfläche zu, dem Takt folgend, ihre Körper
schwingen aufeinander zu, drehen wieder in
entgegen gesetzte Richtungen und treffen sich wieder.
Clarissa streift ihre Schuhe ab und wirft sie von der
Tanzfläche. Immer wilder wirbeln sie, mit dem Takt im
Einklang, über die Tanzbühne. Wie berauscht greift Pascal
nach Clarissas Händen und nimmt sie plötzlich in seine
Arme, hält sie eng und fest umschlungen. Sie wiegen sich nur
noch im Takt der Musik, ihre Füße sind wie angewurzelt,
bleiern schwer. Es war um Beide geschehen, was
nicht hätte passieren dürfen.
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